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Sind wir was wir sind

Vernissage am 27. Juni 2018 um 19 Uhr Ausstellung vom 28. Juni - 08. Juli 2018

Foto: Jakob Schnetz

»Sind wir was wir sind«. Bachelorarbeiten 2018|2 des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie

Was hat uns geprägt und wonach streben wir? Zwölf Absolventinnen und Absolventen im Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover hinterfragen im Sommersemester 2018 in verschiedenen fotografischen Ansätzen zum einen den Status quo unserer Gesellschaft, zum anderen auch die Herausforderungen, die das Leben an uns alle stellt. Das Themenspektrum ihrer Bachelor-Ausstellung »Sind wir was wir sind« reicht dabei von der Auseinandersetzung mit sozialen und kulturellen Prägungen bis hin zu einer persönlichen Betrachtung der menschlichen Psyche.

Vom beruflichen Streben der “Ressource Mensch” in einer wachstumsbasierten Ökonomie erzählt die fotografische Arbeit PPT – People Place Technology von Jakob Schnetz. Sie wirft einen kritischen Blick auf den Arbeitsalltag in mittelständischen Unternehmen und Großkonzernen des tertiären und quartären Sektors, die progressiv die kapitalistische Arbeitswelt der Zukunft gestalten. “Arbeit” befindet sich seit der Digitalisierung im nächsten epochalen Umbruch seit der Industrialisierung.

Bei Patricia Kühfuss’ fotografischer Arbeit steht im Gegensatz dazu der Alltag von deutschen Pflegekräften im Vordergrund, die als Folge der zunehmenden Gewinnorientierung der Krankenhäuser den Balanceakt zwischen wirtschaftlichem Druck und Menschlichkeit an vorderster Front meistern müssen.

Der Dokumentarfilm ich bin. von Dennis Welge zeigt Jérôme in seinen zwei Welten, die nicht vereinbar scheinen. Auf der einen Seite ist er Lebensgefährte und Vater – auf der anderen Seite Pornodarsteller. Wo ist die Verbindung zwischen anrüchiger Freizügigkeit und liebevoller Verantwortung? Wo die zwischen Jason Steel und Jérôme Schmoll? Der eine spielt im Film die Nebenrolle, der andere aber versucht, „Normalität“ zu schaffen.

Claudio Verbano reiste für Toxic Trade nach Tansania. Fremdbestimmt durch die politische und wirtschaftliche Lage des Landes und in der Hoffnung auf finanzielle Stabilität setzen sich dort tausende Menschen lebensbedrohlichen Bedingungen bei der Arbeit in illegalen Goldminen aus. Der unkontrollierte Einsatz von Quecksilber hat schwere Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt.

Sehnsucht und das Streben nach einem besseren Leben sind ebenso Thema in der Abschlussarbeit von Julius Matuschik, der für Erayhin – Die, die gegangen sind Geflüchtete und Asylbewerber aus Nordafrika traf, die in Deutschland unter dem pauschalisierenden Begriff „Nafri“ bekannt wurden. Die Hintergründe und Motivationen zum Aufbruch nach Europa und für das Verlassen des Heimatlandes sind dabei so vielfältig wie die Menschen selbst.

Heiter bis wolkig hingegen ist die Suche nach dem vermeintlich Alltäglichen. Christian Werner, David Carreno Hansen und Sven Stolzenwald zeigen, dass Deutschland neben Bier und 99 Luftballons auch noch Autobahn und Wurst zu bieten hat. Ihre Suche nach dem Superlativ des Banalen wird durch Porträts der statistischen Durchschnittsbürger Sabine und Thomas Müller ergänzt.

Welches Bild von Normalität darf und sollen Medien verbreiten? In Bambola setzt sich Franziska Gilli mit dem Frauenbild im italienischen Fernsehen auseinander, in dem seit über 30 Jahren Showgirls lasziv und leicht bekleidet durch die TV-Programme tanzen. Die Fotoarbeit bewegt sich entlang der Kontraste zwischen Männer- und Frauenbild, Show und Realität sowie Maske und Verletzlichkeit.

Weltweit existent ist die jeweilige Kernproblematik der letzten drei Arbeiten, die von individuellen Schicksalen ausgehend erzählt werden. Wie schmal der Grat zwischen Selbstbeherrschung und Beherrschung in Bezug auf Sucht sein kann, macht Leona Ohsiek in ihrer Arbeit Beherrsche mICH beherrsche dich deutlich. Sie begleitete eine glücksspielsüchtige Mutter, einen alkoholabhängigen Mann, eine esssüchtige Frau und eine junge Schülerin, die mit ihrer Abhängigkeit von Cannabis kämpft, und zeigt mit ihrer Fotografie, wie sich ein Alltag mit der Krankheit gestaltet.

Dänemark gilt als “World’s happiest Country”, verzeichnet jedoch auch eine der größten Raten an verschriebenen Antidepressiva. In ihrem Social Action Projekt Can you see the green – really see it?  hat Katharina Bauer mit verschiedenen dänischen Protagonisten, die mit Depressionen leben, zusammengearbeitet. Durch den kulturell offenen Umgang mit psychischen Krankheiten war es möglich, durch Fotografie einen therapeutischen Ansatz zu finden.

Sina Niemeyer beschreibt in ihrer Arbeit Für mich. / A Way Of Reconciliation den Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch. Zielstrebig führt sie durch das emotionale Chaos dieses Traumas und schafft so nicht nur ein tieferes Verständnis für Außenstehende, sondern auch eine Plattform für andere Betroffene. Durch den Einsatz unterschiedlicher medialer und künstlerischer Techniken soll ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs unterstützt werden, der dieses marginalisierte Thema auf die globalpolitische Agenda rückt.

Mit dem Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gerichtet, stellen diese Arbeiten die so einfache wie komplizierte Frage: Was sind wir? Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung werden dazu eingeladen, ihre ganz eigenen Antworten zu finden.

Die Galerie ist während der gesamten Ausstellungsdauer täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet.

Foto: Claudio Verbano Foto: Dennis Welge Foto: Franziska Gilli Foto: Julius Matuschik Foto: Katharina BauerFoto_Leona Ohsiek Foto: Leona OhsiekFoto_Werner_Hansen_Stolzenwald Foto: Christian Werner/David Carreno Hansen/Sven StolzenwaldFoto_Patricia Kühfuss Foto: Patricia Kühfuss Foto_Sina NiemeyerFoto: Sina Niemeyer

 

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Bilder, die Geschichte schreiben

Vernissage am 16. Mai 2018 um 19 Uhr Ausstellung vom 17. Mai - 17. Juni 2018

Fotos: Harald Schmitt

Es gab wohl kaum ein deutsches Magazin, das uns am Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Osteuropa Ende der 80er Jahre so intensiv Anteil nehmen ließ, wie der stern. Und kaum ein Fotoreporter war dem Geschehen so kontinuierlich auf der Spur und so nah dran wie Harald Schmitt. »Sobald es in einem Land zu brodeln anfing, reiste ich hin. Immer früh genug«, sagt er heute. Viele seiner Bilder haben Foto- und Zeitgeschichte geschrieben.

Mitte der achtziger Jahre begann der monolithische Block des Sozialistischen Systems, der unter der Vorherrschaft der Sowjetunion stand, zu wanken. Wirtschaftliche Probleme und die Widerständigkeit der Bevölkerung in Ländern wie Polen, der CSSR und der DDR setzten den Herrschenden hart zu. Es kam schließlich zu politischen Eruptionen und zum völligen Zusammenbruch des »real existierenden Sozialimus« in Europa.

Jetzt zeigt die GAF in der Ausstellung »Bilder, die Geschichte schreiben« Szenen vor, während und nach dem Umbruch: aus der DDR, Polen, Litauen, Lettland, der Sowjetunion und der CSSR.

Harald Schmitt, geboren am 2. März 1948 in Hausen/Mayen, arbeitete nach seiner Ausbildung zum Fotografen bei der Trierischen Landeszeitung. Danach als Sportfotograf bei Dieter Frinke in München, eher er 1972 zur Agentur Sven Simon nach Bonn wechselte und begann Politik- und Wirtschaftsthemen zu fotografieren. Im Jahre 1977 ging er zum stern und arbeitete bis 1982 als akkreditierter Korrespondent des Magazins in Ost-Berlin. In dieser Zeit begleitete er Erich Honecker nach Japan und Sambia und fotografierte Reportagen über die sozialistischen Nachbarländer. Im Jahr 1983 wurde das Visum von der DDR-Regierung nicht mehr verlängert. Danach arbeitete Harald Schmitt von der Hamburger stern-Zentrale aus bis 2011 in der ganzen Welt.

Harald Schmitt wurde sechs Mal mit dem prestigeträchtigen World Press Photo Award ausgezeichnet.

 

Bild 107 Einst rührte er an den Schlaf der Welt – Jetzt, im September 1991, lliegt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, vom Denkmalssockel gestürzt, am Stadtrand von Litauens Hauptstadt Vilnius.

Einst rührte er an den Schlaf der Welt – Jetzt, im September 1991, lliegt Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, vom Denkmalssockel gestürzt, am Stadtrand von Litauens Hauptstadt Vilnius.

Bild 1 und 9 Aufschrift vor dem VEB-Steinzeugkombinat in Bitterfeld. Film: 81 1142 Negativ: 3a DDR 79

Aufschrift vor dem VEB-Steinzeugkombinat in Bitterfeld.

Bild 69 Lech Walesa: Der Elektriker gehörte zum Komitee des 1970 blutig niedergeschlagenen Streiks auf der Danziger Werft, er saß im Gefängnis und verlor seinen Arbeitsplatz. Jetzt holen ihn die Arbeiter zurück und machen ihn und zu ihrem Anführer. Film: 80 0846 Negativ: 31 Polen 5

Lech Walesa: Der Elektriker gehörte zum Komitee des 1970 blutig niedergeschlagenen Streiks auf der Danziger Werft, er saß im Gefängnis und verlor seinen Arbeitsplatz. Jetzt holen ihn die Arbeiter zurück und machen ihn und zu ihrem Anführer.

Bild 123 Mit herrischer Gebärde und vorgehaltenem Zeigefinger verhört der russische Präsident Boris Jelzin nach dem Putsch Michail Gorbatschow, den Präsidenten der Sowjetunion, die es aber de facto nicht mehr gibt. Das Foto ist ein Dokument der Entmachtung Gorbatschows.

Mit herrischer Gebärde und vorgehaltenem Zeigefinger verhört der russische Präsident Boris Jelzin nach dem Putsch Michail Gorbatschow, den Präsidenten der Sowjetunion, die es aber de facto nicht mehr gibt. Das Foto ist ein Dokument der Entmachtung Gorbatschows.

Bild 87 Alexander Dubcek (l.), Leitfigur des Prager Frühlings 1968, und Vaclav Havel, Schriftsteller und prominentester Regimegegner, auf dem Podium des Bürgerforums am 24. November. Aus dem Publikum wird ihnen zugerufen, dass der Prager Vorsitzende der Kommunistischen Partei zurückgetreten ist.

Alexander Dubcek (l.), Leitfigur des Prager Frühlings 1968, und Vaclav Havel, Schriftsteller und prominentester Regimegegner, auf dem Podium des Bürgerforums am 24. November. Aus dem Publikum wird ihnen zugerufen, dass der Prager Vorsitzende der Kommunistischen Partei zurückgetreten ist.

Bild 16 Ein Bonbon zum Abschied. Auf dem Bahnhof von Güstrow wird Helmut Schmidt von Erich Honecker nach dreitägigen Gesprächen verabschiedet. Schmidt sagt später, der Staatsratsvorsitzende sei ein freundlicher Gastgeber gewesen, aber ein Gegner geblieben. Film: 81 1228 Negativ: 12 DDR 83

Ein Bonbon zum Abschied. Auf dem Bahnhof von Güstrow wird Helmut Schmidt von Erich Honecker nach dreitägigen Gesprächen verabschiedet. Schmidt sagt später, der Staatsratsvorsitzende sei ein freundlicher Gastgeber gewesen, aber ein Gegner geblieben.

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Right here, right now

Vernissage am 11. April 2018 um 19 Uhr Ausstellung vom 12. April - 06. Mai 2018

Der Berliner Fotograf Maziar Moradi, Stipendiat des Fotostipendiums „Hannover Shots“ der HannoverStiftung, hat im vergangen Jahr in wiederholten, längeren Aufenthalten Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, die in der niedersächsischen Landeshauptstadt leben, getroffen und in den Blick genommen. Seine Bestandsaufnahme wird unter dem Titel „Right here, right now“ präsentiert.

Die Ausstellung umfasst große Panoramen, inszenierte Szenen und klassische, dokumentarische Porträts. Die inszenierten Bilder zeigen individuelle Erlebnisse der Protagonisten. Viele wirken wie Filmstills, teils surreal, und fordern den Betrachter heraus, über die dargestellte Szene, ihr Davor und Danach nachzudenken: Was bedeutet etwa das Stethoskop im Innenfutter des Mantels eines jungen Mannes, was das Akkordeon in den Händen eines anderen? Tatsächlich sind viele der inszenierten Bildgegenstände ein Schlüssel zum Verständnis der Bilder und der Geschichten der hier Angekommenen: So war sein abgeschlossenes Medizinstudium alles, was der syrische junge Mann mit nach Deutschland brachte. Nach den notwendigen Prüfungen steht er nun vor seiner Approbation in Deutschland. Für den hochtalentierten Musiker aus Bosnien war das Akkordeon ursächliches Ticket nach Hannover, um an der Hochschule für Musik, Theater und Medien zu studieren. Aus finanziellen Gründen musste er sein Instrument nach seiner Ankunft verkaufen. Inzwischen unterrichtet er selber als Dozent an der Hannoveraner Musikhochschule und gibt international Konzerte.

In intensiven Gesprächen über die jeweiligen Erlebnisse, Hoffnungen und Träume, ergab sich für Maziar Moradi eine genaue Idee für ein Bild. Dann schlüpften die Porträtierten in die Hauptrolle ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie sie Moradi jeweils destilliert und entworfen hat.

Daneben stehen eher dokumentarisch angelegte Arbeiten, an den Wohnorten, im Büro, mit Familienmitgliedern und während der Freizeitaktivitäten der Porträtierten gemacht. Einige der Fotografierten leben schon lange in Hannover und prägen etwa als Politiker und Vertreter verschiedener Organisationen das öffentliche und kulturelle Leben der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Einige Bilder erzählen vom Ankommen oder versinnbildlichen den Austausch der Kulturen, als würde man „durch die Augen des anderen“ auf eine Situation schauen. Andere demonstrieren Freundschaft, einen starken Familienzusammenhalt oder das kreative Schaffen am Filmset und beim Unterrichten.

In gewissem Sinne sieht der Künstler seine Hannover-Serie als Fortsetzung und Endpunkt seiner bisherigen, hochgelobten Arbeiten über Integration: „1979“ (2007), „Ich werde deutsch“ (2008-2016) und „Ich werde deutsch – der Anfang“(2016/17). Das Thema habe er nun in verschiedenen Facetten beleuchtet: von der Ankunft in Heimen, die als Auffanglager und Transit-Zonen dienen, oder im Rückblick auf das Ankommen und „Deutsch-Werden“. Maziar Moradis Haltung geht über das Sensationelle und gleichzeitig ganz Normale der Herkunft hinaus. Der in Teheran geborene Künstler will nunmehr verstanden wissen, dass „wir angekommen sind und unser Leben hier leben, zusammen mit euch, »right here, right now«!“

Am Donnerstag, den 26. April 2018 findet um 19.00 Uhr ein Künstlergespräch mit Maziar Moradi und Prof. Roman Bezjak (Professor für Fotografie an der FH Bielefeld) statt.

www.maziar-moradi.com

Mohamed

Bankole

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Laura

Alptekin