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VGH Fotopreis 2021

Ausstellung vom 02. Dezember - 09. Januar 2022
Aufgrund der explodierenden Zahl der Infektionen und der ab Mittwoch geltenden Warnstufe 2 sehen wir von einer öffentlichen Vernissage ab!  
Für den normalen Besuch während der regulären Öffnungszeiten ab Donnerstag, den 02.12.2021, gilt bei uns aufgrund der Verordnung des Landes die 2G-Regelung inkl. Maskenpflicht.
Donnerstags bis sonntags von 12-18 Uhr geöffnet


Mit ihrer Fotoarbeit ›Laute Stille‹ gewinnt die Fotostudentin Stefanie Silber den VGH Fotopreis 2021. Laute Stille hören Eltern nach der Geburt, und auch, wenn sie anderen davon erzählen möchten. »Ihr seid doch noch jung« / »Es war ja erst die 8. Schwangerschaftswoche« / »Ihr habt zum Glück schon Kinder«. Wenn wir relativieren, kann Leid aushaltbar werden. Oder ausgrenzen. In ihrem Langzeitprojekt begleitet Stefanie Silber Familien mit Sternenkindern. Abschied, Schmerz und Trauma sind Lebensthemen. Trauer ist meist unsichtbar und weitreichend ein Tabu. Der Tod von Kindern ist ein Tabu im Tabu. Mit ihrem Projekt ›Laute Stille‹ gelingt es Stefanie Silber ein in der Gesellschaft weitgehend verstecktes Thema, das dennoch im Alltag vieler Familien präsent ist, behutsam zu Sichtbarkeit zu verhelfen.

Die Eltern von Janne-Lilli und die Eltern des Vaters begleiten die Beerdigung ihrer Tochter und Enkeltochter im eigenen Familiengrab auf dem Friedhof Ohlsdorf. Eine Nachbarin gab ihnen einen Strauß Blumen mit als letzten Gruß. Janne-Lilli wurde in der 22. Schwangerschaftswoche SSW still geboren. Hamburg, 10.11.2017.

Der Fotopreis der VGH Versicherungen ist mit 10.000 Euro bundesweit eine der höchstdotierten Auszeichnungen im Bereich Fotografie. 2021 wird er bereits zum vierzehnten Mal ausschließlich unter den Studierenden des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie‹ der Hochschule Hannover vergeben. In diesem Jahr haben sich 30 Studierende um den Preis beworben. Neben der Preisträgerin Stefanie Silber erhielten als Finalist*innen des Juryprozesses fünf weitere Projekte eine lobende Erwähnung der Jury:

Anna Fritsche / „Weil es nie einen richtigen Ort dafür gibt“
Helena Lea Manhartsberger / „sex work – lock down”
Malte Radtki / „Vexierbild 1917-‘62”
Aristidis Schnelzer / „Medical Engineering”
Ole Witt / „Food Sync”

In Anna Fritsches Projekt ›Weil es nie einen richtigen Ort dafür gibt‹ erzählen betroffene Frauen von ihren Erlebnissen mit sexualisierter Gewalt und teilen ihre Gefühle und ihre Traumata.

"Als ich schätzungsweise drei oder vier Jahre alt war, wurde ich vom damaligen Partner meiner Tante sexuell missbraucht. Lange Zeit habe ich das total verharmlost. Denn leider leben wir in einer Gesellschaft in der es eigentlich kaum Sensibilität für dieses Thema gibt. Ich selbst habe deswegen auch so lange nicht gewusst, wie schlimm das eigentlich ist was er mit mir gemacht hat. Tatsächlich fange ich erst jetzt, seitdem wir dieses Projekt machen, an mich mit dem Begriff „Sexualisierte Gewalt“ zu beschäftigen. Und auch mit meinem eigenen Nicht-Erkennen und Unbewusstein dem Ganzen gegenüber was mir passiert ist. Irgendwann als mir bewusst war, dass dieses Thema nicht geheim gehalten werden darf, hab ich den Mann damit konfrontiert und ihm eine Nachricht geschrieben. Aber auf eine sehr nette Art und Weise. Ich glaube, weil ich keinen großen Wind machen und keine Probleme auslösen wollte. Täter in der eigenen Familie zu konfrontieren ist schwierig. Aber genau das, schützt Täter und gibt ihnen Macht. Bei mir blieb aber immer dieses Verantwortungsgefühl zurück, dass ich es öffentlich machen muss. Obwohl das erst 27 Jahre später passiert. Das ist mein eigener Weg um Gerechtigkeit zu finden. Ich möchte gegen diese Stille kämpfen. Gegen die Scham, darüber zu reden. Denn nicht ich sollte mich dafür schämen, sondern er." Diana.Foto: Anna Fritsche

Um die körpernahste aller Tätigkeiten geht es in Helena Lea Manhartsbergers Arbeit ›sex work – lock down‹, mit der sie ein vielschichtiges Porträt der Sexarbeit während des Lock Downs in Österreich erarbeitet hat.

Rebeka (28), Salzburg, 19.05.2021 // Ich ändere meinen Namen in jedem Haus. Die meisten Leute erkennen Sexarbeit nicht als normale Arbeit, vielleicht ändert sich das ja irgendwann, aber heute zu sagen: „Ich bin Prostituierte“, kann dir für deine Zukunft viele Probleme machen. Ich kam 2016 zum ersten Mal nach Deutschland. Ich hatte in Rumänien Mathematik und Informatik studiert. Aber schnell merkte ich, dass ich Geld verdienen möchte und das so nicht kann. Mein Ziel ist es, eine Wohnung und ein Auto zu kaufen, solange werde ich weitermachen, um zu bekommen was ich will. Danach hätte ich gerne einen normalen Job und die Basis, eine Familie zu gründen. Den gesamten ersten Lockdown war ich in Bonn in einem Haus, wo ich auch gratis wohnen konnte. Die Grenzen waren zu, und ich konnte nicht nach Hause fliegen. Ich habe die ganze Zeit gewartet, wieder arbeiten zu dürfen, aber das hat viel länger gedauert als gedacht. In dem Haus waren viele andere Frauen, da war man nie allein, es war nie langweilig. Wenn ich meine Ruhe wollte, habe ich die Türe zugemacht. In der zweiten Runde bin ich gleich nach Hause gefahren als zugemacht wurde, weil ich wusste das wird länger dauern. Seit dem war ich in Rumänien, bis jetzt. Gelebt habe ich in der Zeit von meinem Erspartem. Vom deutschen Staat habe ich nichts bekommen, obwohl ich legal und angemeldet gearbeitet habe. Ich habe es beantragt, aber nichts bekommen. Ich verstehe bis heute nicht was das Problem war, aber was kann man machen? Ich habe mein eigenes Geld und davon konnte ich leben. Nicht im Luxus aber normal. Mal schauen wie es jetzt weitergeht. Wenn es wieder einen Lockdown gibt, muss ich mich wohl um eine „normale“ Arbeit umschauen. Einen dritten Lockdown könnte ich mir nicht leisten. Aber ich denke, man muss positiv bleiben, nicht traurig sein und nicht zu viel denken. Wer zu viel denkt, macht wenig.Foto: Helena Lea Manhartsberger

Ausgehend von den Fotoalben seiner Familie erzählt Malte Radtki in ›Vexierbild 1917-‘62‹ die Geschichte seines Großvaters, dessen Nazivergangenheit in den frühen Jahren der BRD in bürgerliche Zivilität umbricht. Er zeigt, dass private Fotoalben Objekte sind, in denen Biografien konstruiert, Selbstentwürfe gefestigt und zukünftiges Erinnern aber auch Vergessen strukturiert werden.

Malte Radtki, aus der Arbeit „Vexierbild 1917 – ‘62“, 2021.Foto: Malte Radtki

Auf die Möglichkeiten zukünftiger Technologien und Formen des Zusammenlebens blicken Aristidis Schnelzer und Ole Witt. In ›Medical Engineering‹ widmet sich Aristidis Schnelzer den Entwicklungen, die im Bereich der Medizin mit rasender Geschwindigkeit voranschreiten: bionische Prothesen, die durch Nervenimpulse steuerbar sind, Roboter die die Bewegungsfähigkeit von Schlaganfallpatient*innen wiederherstellen, Implantate die gehörlose Personen wieder hören lassen.

„Navient“, ein kraniales Navigationssystem, bietet mehr Sicherheit beim Entnehmen von Gewebeproben und bei der Tumorresektion (dem Entfernen von Tumoren). Durch entsprechende Software und den Zugriff auf MRT- und CT-Daten der Patient*innen, können chirurgische Eingriffe präoperativ geplant werden.Foto: Aristidis Schnelzer

Ole Witt hingegen sucht mit ›Food Sync‹ eine Annäherung an die Zukunft der Ernährung, die eine wachsende globale Bevölkerung und die Folgen des Klimawandels zu erfordern scheinen.

Landwirtschaftsforschung und Klimawandel Die vollautomatisierte Pflanzenkulturhalle in Sachsen Anhalt kann jegliche klimatischen Bedingungen imitieren. Hiermit lässt sich überprüfen, wie bestimmte Pflanzenarten auf die Veränderung der Umwelt oder die Folgen des Klimawandels reagieren werden.Foto: Ole Witt

 

„Ich bin beeindruckt von der thematischen Diversität der Einsendungen – vor allem wenn man bedenkt, dass die Arbeiten hauptsächlich in einer für alle schwierigen Phase entstanden sind. Insbesondere die Serien der Schlussrunde zeichnen sich durch ihre hohe visuelle Qualität, Intensität der Recherchen und Stringenz der Narration aus. Dabei muss herausgehoben werden, dass einige gesellschaftliche Tabuthemen bearbeitet wurden, die sich äußerst schwer darstellen lassen, in der Umsetzung aber sehr überzeugten“, so Dr. Franziska Kunze, Sammlungsleiterin Fotografie und Zeitbasierte Medien der Pinakothek der Moderne in München über den diesjährigen Juryprozess.

Die Fachjury, die über die Vergabe des VGH Fotopreises 2021 entschieden hat, bestand aus Henner Flohr, Leiter der F.A.Z.-Bildredaktion; Thorsten Gerke, Bildredaktion des SPIEGEL; Sophia Greiff, Autorin und Kuratorin für Fotografie; Dr. Franziska Kunze, Fotografie und Zeitbasierte Medien, Pinakothek der Moderne München; Lara Huck, Bildredaktion DIE ZEIT; Trixi Rossi, GEO-Bildredaktion; Andreas Trampe, Bildredaktion des STERN und einer Vertreterin der VGH.